Das ganze begann für mich am Donnerstag den 21. Juni 2012 nachmittags mit einem Anruf von Herrn Weinhara aus Mazar e Sharif in Afghanistanbei mir in Deutschland, Er kennt mich und meine chirurgische Vita seit vielen Jahren. „Er habe da ein riesiges Problem in Mazar: In einem von der Kreditanstalt für Wiederaufbau geförderten Projekt sei ein junger ziviler Afghane durch eine herabstürzende schwere Last am linken Bein schwer verletzt worden. Man habe im zivilen Krankenhaus von Mazar das Bein im Oberschenkel amputierenwollen. Dem sei vom Projektleiter heftig widersprochen worden, der junge Mann sei dann als nicht abweisbarer Notfall im ISAF-Feldlazarett von Mazar versorgt worden. Man könne dort jedoch aus ordnungspolitischen Gründen, aber auch wegen fehlender geeigneter Implantate die definitive Versorgung nicht durchführen“. Ich denke, dass es in diesem Zusammenhang eigentlich nicht notwendig ist, zu betonen dass die Reaktion der Bundeswehr (Erstversorgung eines Zivilisten im Krieg) außerordentlich großzügig war, dass einzusehen ist, dass ein solches Feldlazarett seine Betten nicht für längere Zeit mit derartigen Patienten blockieren kann. Die Aufgabe eines solchen Lazarettes ist naturgemäß die Bereitschaft, zu jeder Zeit verletzte ISAF-Soldaten aufnehmen und versorgen zu können.

 

 

 

Herr Weinhara fragte mich, ob ich „aus meiner Kenntnis der unfallchirurgischen Community“ jemanden wüsste, der mit ausreichender Kompetenz und Erfahrung in nicht europäischen Ländern sehr, sehr kurzfristig zur Hilfestellung nach Afghanistan kommen könne. Natürlich wusste er, dass Chirurgen mit diesem Profil „weder auf den Bäumen wachsen“, noch kurzfristig zur Verfügung stehen würden. Dies umso mehr, als Herr Weinhara ganz offen darüber informierte, dass ein solcher Einsatz in einem der gefährlichsten Kriegsgebiete der Welt wirklich nicht völlig harmlos sei. Also kam ernstlich nur ich, besonders nach meiner Erfahrung in Nepal, in Frage. Das wusste er wohl auch!

 

 

 

Nach einer Bedenkzeit von 1 Stunde habe ich ihm zugesagt. Wegen der begleitenden Gefäßverletzung, aber auch wegen der Notwendigkeit für das Feldlazarett, wieder uneingeschränkt aufnahmefähig zu sein, hatten wir ein sehr enges Zeitfenster. Mein Pass wurde von Boten von. Kempten an die afghanische Botschaft in Berlin gebracht, in einer wirklich fast einmaligen Aktion mit einem Sofort-Visum versehen und per Boten nach Kempten zurückgebracht. Die Drähte zwischen Herrn Weinhara, der deutschen Botschaft in Kabul, der afghanischen Botschaft in Berlin, wohl auch über das BKA, müssen regelrecht geglüht haben. In der Zwischenzeit besorgte ich Implantate, die mir vom Klinikum Kempten (dem Geschäftsführer und dem derzeitigen unfallchirurgischen Chefarzt) in Kempten großzügig ausgeliehen wurden, trainierte mit ehemaligen Mitarbeitern (Dr. Weiske und Walter Schiess) die hochmodernen Spezialimplantate, verpackte die notwendigen Instrumente und Implantate in drei schwere Kisten und saß bereits Samstag, also 48 h nach Erstkontakt mit den Equipment im Flieger nach Afghanistan, über Istanbul, Kabul nach Mazar. Natürlich hatte ich ernsthafte Bedenken, den jungen Mann - nach der wohl notwendigen Verlegung von Bundeswehrlazarett in das lokale kommunale Krankenhaus – dort zu operieren. Dort sind, wie Herrn Weinhara aus eigener Kenntnis sehr gut weiß, die für eine so aufwändige Versorgung notwendigen Bedingungen natürlich nicht wirklich gegeben. In der Zwischenzeit war jedoch in der Bundeswehr, wohl auch über Kontakte aus Berlin, die Bereitschaft gewachsen, mir zu erlauben, den jungen Mann dort im Feldlazarett zu operieren. Ich wusste (und weiß immer noch) diese Bereitschaft sehr hoch einzuschätzen, - das war ganz sicher nicht wirklich einfach für unsere Armee und meine militärischen Kollegen..

 

 

 

Die Reise, die Ankunft in Kabul und die Weiterreise nach Mazar war durch die Hilfe von Herrn Weinhara und seiner Freunde und Mitarbeiter perfekt organisiert, - an gepanzerte Fahrzeuge, schusssichere Westen musste ich mich allerdings natürlich erst einmal gewöhnen, auch an vieles andere, was für ein Kriegsgebiet typisch ist. Ich habe dann am Sonntagabend in dem fantastisch ausgestatteten Feldlazarett der Bunderwehr den jungen Mann untersuchen können, fand ihn mit einem Fixateur externe provisorisch perfekt versorgt vor, fand eine inkomplette Peroneusparese und eine kritische Durchblutung, - aber fand vor allem eine perfekte Infrastruktur für die definitive operative Versorgung vor.

 

 

 

Früh am nächsten Morgen fand dann die Operation statt, die mitgebrachten Instrumente und Implantate waren über Nacht in das vorhandene Equipment des Lazarett-Ops integriert worden. Wir hatten perfekte Bedingungen: Anästhesie, Lagerungsmöglichkeiten, Hygiene und Klimatisierung, vor allem aber die perfekte Assistenz durch den Sanitätschirurgen Herrn Dr. von Lübken und einem ungarischen Kollegen waren so, dass der Eingriff eigentlich wirklich nur gelingen konnte. Nach etwa zweieinhalb Stunden war der Eingriff vorbei, die Durchblutung durch die perfektere Reposition erkennbar verbessert, der Patient hatte kein Blut gebraucht und konnte direkt postoperativ extubiert werden. Die natürlich eröffneten Unterschenkelkompartiments hatten wir bereits am Eingriffsende verschließen können. Am Abend des Operationstages bin ich dann noch einmal mit großem Aufwand im Panzerwagen mit Herrn Weinhara und Herrn Hutz aus der Stadt zu den kleinen Patienten gefahren: Keine Nachblutung, deutliche Besserung der Lähmung, verbesserte Durchblutung. Ich war natürlich hoch zufrieden, der junge Mann übrigens auch. Bereits vor der Operation, dann besonders aber auch in der weiteren Betreuung war Herr Hutz ein völlig unverzichtbarer Helfer, sicher und zurückhaltend im Umgang mit den anderen Beteiligten aller Berufsgruppen und Nationen, – eben einfach unverzichtbar.

 

 

 

 

 

 

 

Als ich dann am Folgetage den Patienten noch einmal abschließend untersucht hatte und mit den Befunden zufrieden war, habe ich seine Versorgung in die Hände der Bundeswehrärzte gelegt und mich sehr herzlich für deren Hilfe bedankt. Ich bin bis zum terminierten Rückflug dann noch etwa drei Tage in Mazar, Kundus und Kabul gewesen. Das war natürlich richtig spannend, nicht immer ganz ungefährlich, aber ich war immer gut behütet durch Herrn Weinhara, seine Freunde und Mitarbeiter der Projekte der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Herzlichen Dank dafür!!!

 

 

 

Fazit: Es ist erstaunlich und erfreulich, was alles gelingen kann, wenn man Menschen findet und zusammenführt, die bereit sind, schnell, kompetent und uneigennützig dort zu helfen, wo ihre Hilfe gebraucht wird. Das betrifft Menschen, aber auch Organisationen. Ich vermute, dass der eine oder andere der Beteiligten nicht nur darüber froh ist, dass das Bein dieses jungen Afghanen erhalten werden konnte (s. auch Fotos!), sondern auch darüber, erlebet zu haben, was alles möglich ist, wenn man die „richtigen Menschen“ zusammen bringt. Ich jedenfalls habe es so erlebt!

 

 

 

 

Chirurgischer Einsatz in Afghanistan