Als diese Vorbereitungen abgeschlossen waren, bin ich dann das erste Mal mit einer neuen Crew, aber dem gleichen Kapitän wie in der Biskaya,  zu einem ersten Rettungseinsatz vor die libysche Küste aufgebrochen. Dieser Einsatz war als Piloteinsatz geplant, wir wollten vor Ort Rettungseinsätze proben, auch den Umgang mit den Rettungsinseln und mit unserem  starken Beiboot. 

 

Wir hatten mit vielen, sehr vielen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen, bemerkten jeden Tag, dass unser Schiff eben schon fast 60 Jahre alt ist und an vielen Stellen kränkelt. Außerdem hatten wir mit schwersten Wetter zurecht zu kommen und darum keine Chance, ein Flüchtlingsboot zu sichten. Die Flüchtlinge wären bei dieser Wetterlage ohnehin alle schon längst ertrunken... 

 

Wir hatten geplant, mit acht Mann Besatzung loszufahren, mussten aber drei geplante Crew-Mitglieder an Land lassen – diese waren den zu erwarteten Belastungen und auch der zu übernehmenden Verantwortung ganz offensichtlich nicht gewachsen. Wir waren also nur noch zu Fünft an Bord. 

 

Unglücklicherweise zog ich mir dann bei einem kleinen Bootsunfall durch einen Sturz eine ernsthafte Verletzung meiner Wirbelsäule zu. Mir war sofort bewusst, dass ich mir eine ordentliche Fraktur der oberen Lendenwirbelsäule zugezogen hatte. Das war klinisch sofort klar. ich habe dann nach meinem klinischen Eindruck eine Zeichnung meines ersten LWK gemacht, die Röntgenuntersuchung 14 Tage später hat diesen Befund genau bestätigt, es waren aber zwei weitere Wirbelkörper frakturiert. 

 

Das Dumme daran war, das ich neben dem Kapitän der einzige von der Besatzung war, der als Wachführer/Steuermann zur Verfügung stand. Die folgenden sechs Tage waren nicht ganz einfach, nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber da sie alternativlos waren, war das alles ganz gut zu ertragen. Es ist erstaunlich, was man ertragen kann, wenn es wirklich darauf ankommt. 

 

Nach der Rückkehr wurden die erkannten technischen und organisatorischen Mängel behoben, und wenige Tage später konnte die Sea-Eye zu ihren routinemäßigen Rettungsmissionen aufbrechen. Einzelheiten über diese höchst erfolgreichen Missionen, bei denen bis zum Sommer über 12.000 gerettet werden konnten,  sind am besten auf unserer Internetseite www.sea-eye.org nach zu lesen.

 

Weil dieFlüchtlingsströme dann jedoch weiter anwachsen und wir genug Freiwillige hatten, auch ein zweites Schiff zu besetzen, haben wir uns dann entschlossen, im Frühjahr 2017ein zweites,nahezu baugleiches Schiff zu erwerben. Die Seefuchs, so heißt dieses zweite Schiff, wurde dann in Rostock aufwendig umgerüstet, vor allem mit vie lnautischen und elektronischen Material, das hat uns insgesamt etwa 120.000 € gekostet. Nach Fertigstellung wurde das Schiff dann in gleicher Weise ins Mittelmeer gebracht und ist seit dieser Zeit in ununterbrochenem parallelen Einsatz mit der Sea-Eye. Bis zum Jahresende hatten wir dann insgesamt etwa 13.500 Flüchtlinge gerettet, das öffentliche Interesse war relativ groß und durchgehend positiv. Im Winter wurden dann beide Schiffe in Gozo, einem kleinen Hafen nürdlich von Malta untergebracht und aufwendig repariert, was zu großen Kosten geführt hat.

 

Im Winter kam dann  die große politische Veränderung. In allen europäischen Parlamenten war ein deutlicher Rechtsruck zu bemerken, der Gegenwind gegen die  Flüchtlingsrettung im Mittelmeer war sowohl in der Politik als auch in der breiten Öffentlichkeit immer stärker bemerkbar. Europa schien mit der Integration zu vieler Flüchtlinge überfordert, das Spendenaufkommen brach dadurch natürlich dramatisch ein, auch die Bereitschaft von Menschen, sich persönlich und ehrenamtlich in der Flüchtlingsrettung zu engagieren nahm deutlich ab. Gerade in dieser schwierigen Phasebeschloss Michael Buschheuer,unser Gründer und Vorstandsvorsitzender, sein Amt abzugeben. Die Gründe waren absolut nachvollziehbar, er hatte zwei Jahre lang seine große Firma, aber auch seine kleine Familiedoch ganz deutlich vernachlässigt. Da er und ich als Vorstand keinen geeigneten Nachfolger finden konnten habe ich mich dann entschlossen, dieses Amt in dieser extrem schwierigen Phase zu übernehmen. Seitdem bin ich also sowohl Vorstandsvorsitzender, Schatzmeister als auch weiter der für die Medizin verantwortlich. Schon im letzten Jahr hatte ich täglichbis zu 10 Stunden für Sea-Eye arbeiten müssen, das hat jetzt in den letzten Wochen also im Jahr 2018, deutlich zugenommen. Ich vernachlässige dadurch viele andere Pflichten und Aktivitäten, meinen Freundeskreis, meine Familie, aber auch mein Segelboot und meine anderen Hobbys. Das kann so auf Dauer natürlich nicht weitergehen.

 

Bedingt durch den Mangel an Geld, aber auch Mangel an Personal, besonders Kapitänen und Maschinisten mussten wir dann unsere Sea-Eye aus dem Verkehr ziehen und haben sie auf einen einigermaßen bezahlbaren Liegeplatz in Hammamet in Tunesien an die Kette gelegt Das war den eigenen engagierten Leuten nur sehr schwer zu vermitteln und hat zu einigen Enttäuschungen in der Mitgliedschaft geführt. In der Zwischenzeit war die Unterstützung unserer Rettungsaktionen durch das MRCC immer geringer, dieLibyscge sogenannte coastguard war mit etwa 400 Millionen € aus der EUunterstützt worden, um die Flüchtlingsrettung selbst zu übernehmen Die EU hat sich damit freigekauft, die dreckige Arbeit den Libyern überlassen, die sich natürlich ein kein internationales Recht, besonders auch nicht an das internationale Seerecht halten..

 

Wir fahren trotzdem noch raus und retten weiter Menschen, in diesem Jahr schon wieder 400 unter zum Teil abenteuerlichen Bedingungen und einer hohen eigenen Gefährdung. So mussten wir zweimal wegen fehlender Unterstützung des MRCC über 100 Menschen an Bord nehmen und sie ohne jede Unterstützung nach Sizilien bringen. Das unsichere Wetter bedeutete eine unmittelbare Gefährdung unseres Schiffes, unserer Crew und auch der Flüchtlinge. Wenn schlechtes Wetter aufgezogen wäre hätte würde das wohl in einem Desaster geendet haben. Die Italiener, besonders das MRCC war davon völlig unbeeindruckt. In der Zwischenzeit haben Wahlen in Italien stattgefunden die zu einem starken Rechtsruck geführt haben und zu einer rein populistischen Regierung. Es bleibt abzuwarten ob wir in Zukunft überhaupt noch retten können oder ob die Italiener uns jede Unterstützung versagen, aber auch den Zugang zu ihren Häfen versperren.