Auf einer der folgenden Missionen waren wir mehrmals zu spät mit unserem Schiff bei einem sinkenden Boot angekommen und konnten keine Flüchtlinge mehr retten, sondern fanden nur noch im Wasser treibende Leichen. Unser alter Fischkutter war für einen solchen Einsatz einfach viel zu langsam. Da wir inzwischen ausreichend viele ehrenamtliche Mitglieder hatten, die bereit waren, als Besatzung auf einem Schiff zu arbeiten, haben wir uns entschlossen, ein zweites Schiff zu erwerben. Ich wurde mit diesem Projekt betraut.

 

 

 

Wir haben dann lange und intensiv auf allen Kanälen nach einem Schiff gesucht, das dem Anforderungsprofil genügte. Es sollte sehr schnell und relativ klein sein und durfte natürlich nicht zu viel kosten. Ich hatte primär auf ein ausrangiertes Schiff der italienischen Coastgard gehofft.Ein Boot der Classe 300 zu erwerben, ist uns und mir trotz erheblicher Anstrengungen leider nicht gelungen. 

 

 Schließlich haben wir ein Schiff an der englischen Südküste entdeckt, zwölf Meter lang, über 600 PS stark und damit 50 Knoten, also etwa 85 km/h schnell. Ich habe mir das Schiff dann mit einem fach- und sachkundigen Begleiter angesehen, wir haben den Preis noch ein bisschen herunter gehandelt und es dann für ca. 80.000 € gekauft. 

 

 So viel Geld hatten wir natürlich nicht und mussten dafür ein Darlehen aufnehmen und zwar zinslos zu etwa gleichen Anteil von mir selbst und einer großzügigen Unterstützerin aus Regensburg. Das Schiff wurde vom Verkäufer nach Le Havre gebracht, ich habe es dann dort übernommen, auf einen Spezialtransporter gebracht, von dort ist es dann auf dem Landweg bis nach Licata auf Sizilien gebracht worden. Dort habe ich es dann zusammen mit einem sehr see- und bootserfahrenen Begleiter übernommen. Wir haben während zweier Tagen das Schiff soweit vorbereitet, dass man ihm die Überfahrt über das Mittelmeer zumuten konnte und sind dann in einem regelrechten Parforceritt an einem Tage von Sizilien über Lampedusa zum Nachtanken nach Zarzis in Tunesien gefahren. 

 

Wir haben uns fast stündlich am Ruder abwechseln müssen, das Fahren eines solchen Schiffes mit seiner hohen Geschwindigkeit erfordert höchste Konzentration und wirklich gute Fitness. Mein kundiger Begleiter musste nach Ankunft in Zarzis sofort nach Deutschland zurück fliegen, er ist Berufspilot und hatte zu arbeiten. So war ich also mit dem wunderbaren Schiff im Hafen von Zarzis erst mal alleingelassen.

 

 Zunächst musste ich eine Unterkunft organisieren, einen alten Motorroller kaufen, um notfalls schnell zum Schiff im Hafen zu kommen, die technische Ausstattung des Schiffes vervollkommnen und musste versuchen, einen akzeptablen Liegeplatz zu finden. Das ist mir dann trotz wochenlangen Bemühens nicht gelungen. Die verschiedenen Autoritäten, die Hafenbehörde, die Zollbehörde, die Hafenpolizei und die Marine konnten sich jeweils nicht einigen, mir einen sicheren Liegeplatz zur Verfügung zu stellen. Auch das Rote Kreuz, das vollmundig Hilfe zugesagt hatte, erwies sich als völlig wirkungslos. Ich hatte jedoch Unterstützung von einem nachgeordneten Mitarbeiter des Roten Kreuzes, der sich erst als sehr nützlich erwies, in der Folgezeit jedoch als ausgesprochener Lump, der uns an jeder Ecke zu betrügen versuchte.

 

 Inzwischen waren mehrere Unterstützer aus unserem Verein nach Zarzis gekommen. Es erwies sich jedoch, dass einige von ihnen für einen solchen ambitionierten Einsatz nicht geeignet waren und wieder umkehren mussten. Ich musste also meinen Aufenthalt dort verlängern und bin dann die ersten Kurzeinsätze selbst gefahren. Diese waren ausdrücklich wiederum Piloteinsätze, ich musste herausfinden, was man mit dem Schiff wirklich anfangen konnte. Alle sonst nützlichen Einrichtungsgegenstände, wie Schlafmöglichkeiten, Bordtoilette und alles andere Entbehrliche, hatten wir entfernt, damit wir eine möglichst große Anzahl von Rettungswesten, etwa 300 Stück und ausreichend Trinkwasser an Bord nehmen konnten. Auf jeden auch nur minimalen Komfort für die Crew von zwei Leuten wurde bewusst und absichtlich verzichtet. Das war schon wirklich gewöhnungsbedürftig.

 

Immer wieder auftretende technische Probleme mit dem Satellitentelefon, dem AIS und dem Funkgerät haben uns mächtig zu schaffen gemacht und waren nur schwer zu beherrschen.. Nach den ersten erfolgreichen Probefahrten und dem ersten erfolgreichen Rendezvousmanöver mit der Sea-Eye auf hoher See habe ich dann meine Aufgabe für erledigt betrachtet und das Boot in die Hände einer nachfolgenden erfahrenen Crew übergeben.

 

 Die nachfolgenden Crews hatten dann unentwegt weitere Probleme mit Defekten, die vor allem durch den ungünstigen Liegeplatz und gelegentliche Diebstähle verursacht waren.. Es gab Defekte in den Luftkammern, aber auch Probleme mit den Motoren bzw. mit dem Beschaffen von Ersatzteilen für die Dieselmotoren. Die technischen Möglichkeiten, aber auch die technischen Fähigkeiten der Monteure sind mit den Standards in Deutschland einfach nicht zu vergleichen – das haben wir lernen müssen Das Ganze hat ziemlich viel Energie und Geld gekostet und auch eine gewisse Leidensfähigkeit und Frustrationstoleranz erfordert.